Der Wolf, der Fuchs und die Stimme der jungen Frau: Ein Märchen oder .... 

Es war einmal junge Frau, die war so etwas wie ein Polyglott. Das ist nicht ein monströses zähnefletschendes Fabelwesen aber das sagt man zu einer Person die mehrere Sprachen beherrscht. Da war ein Wolf, der war so neidisch auf diese junge Frau. "Ich wünschte, ich könnte auch so sprechen," sagte sich der Wolf. Er verbarg sich im Dickicht und belauschte sie des Öfteren. Er tat sich schwer mit dem Reden. Er hatte ein paar Floskeln, die er von Vorbeigehenden aufgeschnappt hatte. Er vermutete auch, dass genau dieser Umstand seinem Onkel teuer zu stehen kam. Denn das war derjenige Wolf, der Rotkäppchen so berühmt machte. Wenn er doch nur wüsste, wie man eine Stimme stehlen könnte. "Guten Tag, Monsieur Wolf," hörte er sagen. "Ich bin's, Foxy!" Der Fuchs hatte ihn schon die längste Zeit beobachtet. "Das ist Musik in deinen Ohren, nicht wahr? Und du wünschtest, du könntest das auch. Stimmt's?" Der Fuchs räusperte sich gewichtig. "Ich weiss wie du deine Stimme mit ihrer Stimme tauschen könntest." Der Wolf wollte auf der Stelle wissen, was er denn tun müsse. Der Fuchs flüsterte, dass es ziemlich tricky sei. "Du musst so lange warten bis sie an den Brunnen geht, um ihren Durst zu löschen. Du trinkst im selben Moment vom Brunnen wie sie, uns sagt‘s: Voce mutandis und nimmst genau drei Schlucke von dem Wasser. That will do it. Also ich meine, das sollte klappen.“ Der Wolf war happy und tat all das, was der Fuchs ihm gesagt hatte. Die junge Frau wunderte sich, dass der Wolf so nah kam und vom Brunnen trank. "Gar nicht scheu", dachte sie sich. Dann hörte sie ihn Voce mutandis sagen und da war es schon zu spät um irgend etwas zu tun. Der Wolf hatte ihre Stimme und sie hatte seine. Sie konnte gar nicht begreifen, was ihr widerfahren war. Anfangs brachte sie kaum etwas über ihre Lippen. Ja, denken konnte in all den Sprachen, die sie bis anhin sprach. Und verstehen ging auch wie zuvor. Nur mit dem Sprechen und auch das Schreiben, da gings irgendwie nicht mehr. Ist ja auch klar, denn hat jemand schon einen Wolf schreiben gesehen? Ich jedenfalls nicht. Das Rotkehlchen Robin hatte alles mitbekommen. "Ich kann dir wieder das Sprechen beibringen, wenn du willst," sagte Robin und flog auf die rechte Schulter der jungen Frau. "Ich weiss, das wird uns etwas an Mühe kosten, aus der Stimme des Wolfes etwas zu machen, aber mit etwas Ausdauer kriegen wir es hin." Dass das Rotkehlchen sprechen konnte wunderte sie nicht, nach all dem, was ihr gerade widerfahren ward. So nahm sie das Angebot an. Robin erklärte ihr, dass sie das Wort in Gedanken fixieren sollte, so liesse es sich besser aussprechen. So sammelte die junge Frau Worte. Der Wolf aber hatte eine Identitätskrise. Denn die anderen Wölfe lachten ihn aus. Und die Wölfin auf die er scharf war, sagte ihm gerade aus, dass sie nur auf einen Wolf mit einer tiefen männlichen Stimme stehe. Der Schuss ging gänzlich hinten raus für ihn. Der Wolf war wütend und wer war Schuld an dem ganzen Debakel, natürlich der Fuchs. Auf den lauerte er, " dem werd ich’s schön zeigen!" sprang aus dem Gebüsch und packte den Fuchs an der Gurgel. Der Fuchs sah sich in einer misslichen Situation, aus der er sich schnellstmöglichst befreien wollte. Keuchte der Fuchs, dass er einen Weg wisse, ihm seine Stimme zurückzugeben. Das leuchtete dem Wolf ein, dass er das lieber anhören sollte, als den Fuchs ins Jenseits zu befördern und liess ihn los. Der Fuchs fing an dem Wolf zu erklären, dass es gar nicht so einfach sei, denn die magischen Worte, Voce mutandis, können nie zwischen den gleichen zwei Personen verwendet werden. Aber er wisse, was da gemacht werden könnte. Er fügte das hinzu, weil er das hitzige Gemüt des Wolfes kannte. "Ich werde mich anbieten, die Worte Voce mutandis zwischen der jungen Frau und mir zu benützen. So hat sie meine Stimme und ich habe deine. Der Wolf unterbrach ihn ärgerlich, "ja, dann hast du meine Stimme und ich habe immer noch ihre Stimme!" "Du musst mich nur ausreden lassen, dann wird alles klar," erwiderte der Fuchs. "Denn zwischen uns zweien haben wir die magischen Worte nicht gebraucht. Deswegen können wir es noch tun. Dann wirst du deine Stimme zurückhaben und ich habe halt eben die Stimme von der Frau. Es fällt mir schwer meine Stimme herzugeben, denn ich bin sehr stolz auf den melodiösen Akzent, den ich habe. Und es wird schön lange dauern, bis ich mich an die andere Stimme gewöhnen werde. Irgendwie ist das ein down- sizing von meiner Identität. Aber für dich tue ich's. Ich kann's mir nicht ansehen, wie du so betrübt bist wegen der ganze Sache." All das sagte er berechnend, denn es macht sich bezahlt bei Wölfen etwas gut zu haben. Gesagt getan. Der Wolf hatte wieder seine Stimme zurück, der Fuchs hatte die Stimme der jungen Frau und die wiederum hatte des Fuchses Stimme.

 

Fortsetzung folgt....vielleicht

© Corinne Othenin-Girard 12.2016 / 03.2020

 

Der Wolf, der Fuchs und die Stimme der jungen Frau    2. Teil

Des Fuchses Stimme drückte die junge Frau, so wie es tut, wenn man die Schuhe verkehrt anzogen hat. Und was sie auch nicht begreifen konnte, dass mehrere Leute das Megaphone benutzten, um mit ihr zu sprechen. Verstehen konnte sie ja all die Sprachen wie vorher. Nur das Sprechen ging halt nicht wie zuvor. Sie verstand jetzt was ihr passiert war, das mit dem ’voce mutandis’ und wartete Tagelang auf den Fuchs am Brunnen. Was sie noch nicht wusste, dass man diese Worte nicht bei den zwei gleichen Personen wieder verwenden kann. Das Rotkehlchen Robin erklärte ihr das und erkundigte sich dann auch wie's so gehe mit dem fixieren. Eben der Worte in Gedanken. Ja das Fixieren hatte es so in sich. Manchmal ging’s, manchmal nicht. Meistens hatte sie diese entsetzlichen Lücken, Sprachlücken, die sie vermaledeite. Aber ihr war ein Rätsel, warum die Worte ohne Mühe nur so aus ihrem Mund purzelten, wenn sie wütend über irgendetwas war. Ansonsten ging das mit dem Sprechen noch nicht so frei über ihre Lippen. Hingegen mit den Tieren, da funktionierte es mit dem Sprechen. Eigentlich ging das ja sowieso nicht über die Lippen. Wie sie das merkte? Eben, als sie sich in Gedanken fragte, was sie bloss tun könne mit der Stimme des Fuchses, stand das Reh plötzlich da und antwortete ihr. Und sie konnte jedes Wort verstehen obwohl es lautlos herüberkam. Es wunderte sie nicht einmal, denn seltsamere Dinge hatten sich eben ja gerade ereignet. Nun meinte das Reh: "Du hast nicht nur die Stimme des Fuchses, aber auch ein klein wenig sein Wesen bekommen. Was du damit tust, ist ganz alleine dir überlassen. Wie kommt das, fragst du mich gerade." Genau das dachte sie. "Derjenige der die Worte ’voce mutandis’ sagt, muss auch dem anderem etwas von seinem Wesen abgeben. Das Magische hat auch einen Sinn für Gerechtigkeit", kicherte des Reh. "Good luck. Bis auf's nächste Mal, und übrigens ich heisse Nixus", und schon war das Reh im Wald verschwunden. "Das durchtriebene Wesen des Fuchses, schönen Dank noch!" dachte die junge Frau vor sich hin. Sie sass wieder am Brunnen. Doch an etwas konnte und wollte sie sich nicht gewöhnen. Wo ihr Spiegelbild hätte sein sollen, grinste ihr dasjenige des Fuchses entgegen. Da kam nun gerade der Fuchs dahingeschlendert. Er wollte die junge Frau etwas ganz bestimmtes fragen. Aber er wollte es ihr nicht an den Hut binden, warum es ginge. Er wollte unbedingt wissen, ob sie schon etwas bemerkt hatte. Der jungen Frau war das Ganze zu blöd. Denn sie bemerkte das ganze sehr wohl und so spritzte sie den Fuchs so zünftig an. Hatte er auch verdient und ging dann ihres Weges ziemlich zufrieden. Da war doch derjenige Wolf, mit dem alles angefangen hatte. "Aber warum haut der ab, sobald er mich gesehen hat und versteckt sich. Das macht keinen Sinn. Warum bloss? Und dann der Fuchs mit seinem Getue, wollte der nicht unbedingt etwas wissen von mir, aber wollte nicht sagen was? Und jetzt der Wolf. Man könnte glatt meinen, dass er Angst vor mir hätte. Könnte das mit dem Wesen des Fuchses zu tun haben das ich angeblich haben sollte? Aber was bloss. Ich wünschte ich wüsste was es ist." Kaum dachte sie den letzten Satz: "Na klar! Es muss mit dem Magischen zu tun haben. Ich muss wohl vom dem was abbekommen haben. Das erklärt mir alles." Dann ging ihr gerade die Wölfin über den Weg. Diejenige auf die der Wolf so scharf war, oder ist. "Amaturum voce muntandis!" fuhr es der jungen Frau heraus. Was war denn das, fragte sie sich. Hatte sie gerade einen Zauber auf die Wölfin gelegt? Und wenn, was für einen? So lief sie der Wölfin hinterher um genau das herauzufinden. Und wo ging die Wölfin hin? Zum Brunnen, wo auch der Fuchs war. Sie, die Wölfin, ging schnurstracks auf den Fuchs zu, und begann mit ihrem Kopf zärtlich über seine Flanke zu streichen und hörte sich andachtsvoll die Wichtigtuerei des Fuchses an. "Nein ich glaub's nicht! Wölfin verliebt in den Fuchs?" grinste die junge Frau. Oder, könnte es sein, dass sie in des Fuchses Stimme, meine gestohlene Stimme, verliebt wäre? "Komisch, als der Wolf meine Stimme hatte, machte die Wölfin sich lustig über ihn, wegen der nicht männlichen Stimme. Wahrscheinlich habe ich wirklich einen Zauber auf sie gelegt", kicherte sie und freute sich schon über die sicher kommenden Ereignisse. Und tatsächlich, da kam der Wolf angeschlendert, selbstsicher, wie fast immer. Er wollte grad ein schleimiger Anmachspruch in Richtung der Wölfin platzieren, da war es, wie wenn mehrere Stöcke auf ihn niederprasselten. Denn die Wölfin zeigte ihm die kalte Schulter und flirtete ausgerechnet mit dem Fuchs. Das schmerzte: "Wart nur, Dir werd's ich zeigen" zischte er durch die Zähne und wollte auf den Fuchs losspringen. Der Fuchs sah das gerade noch beizeiten: "stop stop! Also, ich habe noch etwas zugute bei dir. Stimmendebakel, du weisst schon." Dem Wolf wurd mulmig: "und was verlangst du von mir?" Der Fuchs sagte: "nun ja, du weisst wie das so gang und gäbig ist bei euch Wölfen. Wer auserwählt wird von dieser Wölfin, wird zum Anführer deiner Sippe. Wie du siehst, hat sie ihr Auge auf mich geworfen", er verbeugte sich vor ihr, "und somit gehört diese Position ja auch mir. Was dich anbelangt, wir werden schon eine Stelle finden wo du uns nützlich sein kannst, natürlich nur, wenn du willst." Der Wolf musste ihm wohl oder übel das Feld überlassen, er hatte ihm ja auch sein Wort gegeben, damals als das mit der Stimme war. Er war dermassen wütend auf den Fuchs. Jetzt hatte der alles, was eigentlich ihm gehören sollte, und er, der grosse Wolf, konnte überhaupt nichts dagegen tun. "Nichts wie fort von hier, das ist eine zu grosse Blamage", und so lief der Wolf weit, weit weg. Geschieht ihm recht, dachte die junge Frau. Sie bemerkte das Reh Nixus hinter den paar Bäumen. Ob Nixus etwas wisse über das mit dem verkehrtem Spiegelbild und wie sie ihr eigenes zurückbekommen könne, das waren Fragen die ihr durch den Kopf gingen. Nixus meinte: "Du musst wissen, dass mit dem voce mutandis nicht nur deine Stimme auf den Fuchs übertragen wurde, aber auch dein Spiegelbild. Er braucht es, um mit deiner Stimme zurechtzukomnen. Ohne das klappt's gar nicht. Und ja, wenn es dir gelingt dein Spiegelbild mit dir zu verknüpfen, dann hast du eine gute Chance, dass deine Stimme wieder zum Vorschein kommen kann. Mit etwas Geduld und Übung natürlich. Mehr darf ich dir aber nicht sagen. But trust in yourself! Denn mit der Wölfin habe es auch prima geklappt“, kicherte das Reh und weg wars. Die junge Frau grübelte so lange, sodass sie am Brunnen einnickte. Es träumte ihr, sie wäre in den Brunnen gesprungen und nahm ihr jetziges Spiegelbild mit in die Tiefe. Sie packte ihr Spiegelbild, das war der grinsende Fuchs, beim Schwanz und hinab ging's. Sie schwamm immer tiefer. Dunkel wars als sie auf dem Grund des Brunnens anstiess. Da war doch etwas wie eine Türklinke. Mal sehen was dahinter ist. Sie zerrte das Spiegelbild, am Schwanz eben, durch die halb offene Tür. Die Sonne blendete sie zünftig. Sie watete durch das hohe Gras. Und plötzlich zog das Spiegelbild sie voran. So wie Pferde, die sich auf dem Nachhauseweg wissen. Sie konnte sich gerade noch am Schwanz festhalten, dermassen ging's im Rennschritt vorwärts bis zum See. Da plumpste das Spiegelbild schnurstracks rein. War ja klar. Da kam auch ihr eigenes Spiegelbild herangeschwommen und flüsterte ihr ins Ohr: "Wenn der Fuchs auch in den besagten Brunnen schaut, nenne genau die zwei Worte: Imagine mutandis" und da wachte die junge Frau auf. Das werd ich ausprobieren, dachte sie. Könnte ja sein, dass mein Traum die Antwort wäre und suchte sich am Brunnen einen bequemen Platz zum Warten.

Nach geraumer Zeit kam der Fuchs angeschlendert und beugte sich tatsächlich über den Brunnenrand, was der jungen Frau genügend gab Zeit um "imagine mutandis" zu sagen. Die zwei Spiegelbilder fingen an sich durcheinander zu bewegen und alsbald gesellte ihr eigenes wieder zu ihr. "Hat ja wirklich geklappt! Nur weg von hier", und türmte weit weg vom Brunnen und Fuchs. Da stiess sie auf Nixus. Das Reh kicherte schon im voraus und wollte den jungen Frau erzählen, was sie so amusant finde: "Ich weiss schon, du willst mir was mitteilen, aber hör mal das an, was mir die Vögel gezwitschert haben. Sie sahen, wie der Fuchs vor der ganzen Wolfsippe gerade eine Rede halten wollte. Aber aus seinem Mund kam nur Kauderwelsch. Und die Wölfin beschimpfte ihn daraufhin aufs Grässlichste und somit war des Fuchses Los bestimmt. Er konnte gerade so noch mit heiler Haut davonkommen. Und zurück zu seiner Fuchsfamilie konnte er auch nicht mehr. Die vergeben ihm nicht. Wolfsippendebakel!" Nixus kicherte erneut. "Geschieht ihm Recht", meinte die junge Frau, "und ich habe mein Spiegelbild wieder". Sie erzählte Nixus, wie sie den Traum hatte und ihn befolgte und wie sie schon spüre, dass es einiges besser gehe mit dem Sprechen. Sie habe noch immer den Akzent des Fuchses, aber all ihre Sprachen kämen jetzt irgendwie zurück. "Hab ich’s nicht gesagt". Sie könne stolz auf sich sein, meinte Nixus zu der jungen Frau. Sie wateten dann durchs hohe Gras und erzählten sich so allerhand Dinge.

 

© Corinne Othenin-Girard 03.2017 / 03.2020

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